Interview Annelie Simon
Interview mit Annelie Simon im Magazin "Papa-Ya"
Frau Simon, Sie sind jetzt 29 Jahre alt und haben im Vorgespräch davon erzählt, dass Sie mit ihrem Vater fast 20 Jahre keinen Kontakt hatten. Erzählen Sie doch bitte unseren Lesern, wie es dazu kam.
Der Kontakt zu meinem Vater ist abgebrochen, weil sich meine Eltern scheiden ließen. Ich war da gerade 4 Jahre alt und es waren noch DDR-Zeiten. Wegen dem Wohnungsmangel hat mein Vater so schnell keine andere Wohnung gefunden und vorerst noch weiter mit bei uns gelebt. Er hatte das Schlafzimmer für sich. Da ich aber nicht zu ihm durfte, habe ich ihn da auch schon nicht mehr gesehen. Das ging 2 Jahre so. Kurz vor meinem Schulanfang ist er schließlich ausgezogen. Ich glaube es gab dann noch ein oder zwei Treffen, in denen er versucht hat, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Meine Mutter machte ihm das jedoch sehr schwer und er gab deswegen ziemlich schnell auf. Es war ihm zu viel Streit und er dachte das sei nicht gut für die Kinder. Ich habe ihn dann nicht mehr wieder gesehen und er wurde mir fremd. Es gab später noch einmal ein Treffen, als ich neun oder zehn Jahre alt war. Da hat er mich und meine Schwester mitgenommen zu unseren Großeltern. Wir haben einen Ausflug zu ihnen gemacht. Das war das letzte mal, wo ich meinen Vater gesehen habe.
Sie sagen auch, dass Sie eine Schwester haben. Wissen Sie, wie es Ihrer Schwester mit dem fehlenden Kontakt ergangen ist oder heute noch ergeht?
Ich habe zwei Schwestern. Eine Ältere und eine Jüngere. Die Ältere ist meine leibliche Schwester und die Jüngere meine Halbschwester. Sie kommt aus der zweiten Ehe meiner Mutter, die sie gleich nach der Scheidung von meinem Vater neu einging. Nach nur einem Jahr wurde diese dann aber auch schon wieder geschieden. Wie es meiner älteren Schwester mit dem fehlenden Kontakt zu unserem Vater ging, kann ich schwer sagen. Sie hat nie viel über ihn erzählt. Sie hat sich glaube, noch viel mehr als ich, mit unserer Mutter solidarisiert und sucht bis heute keinen Kontakt zu ihm. Auch zu mir möchte sie schon lange keinen Kontakt mehr. Wenn ich ihr eine Mail schreibe, antwortet sie nicht. Dieses Jahr haben wir uns bisher nur auf der Beerdigung unserer Großeltern gesehen.
Irgendwann kam dann der Tag in Ihrem Leben, an dem Sie wieder den Kontakt zu Ihrem Vater suchten. Können Sie uns davon bitte etwas erzählen? Wie haben Sie Kontakt aufgenommen, wie ging es Ihnen dabei?
Also der Kontakt zu meinem Vater ging über die ganzen Jahre eigentlich nur über den Rechtsanwalt, weil er Unterhalt gezahlt hat. Als ich 18 wurde, hat meine Mutter das dann mir übergeben, ich musste mich plötzlich selber darum kümmern. Die Beziehung zu meiner Mutter war immer sehr schwierig. Wir hatten viel Streit. Ich warf ihr vor mich schlecht behandelt zu haben als Kind und sie sah das aber nicht ein, sie stellte mich als Lügnerin dar. 2006 brach ich schließlich den Kontakt zu ihr ab. Ein Jahr zuvor hatte ich schon damit begonnen, mich meinem Vater zuzuwenden. Ich habe mich sozusagen von meiner Mutter ab- und meinem Vater zugewandt. Seit einiger Zeit war ich in Therapie und erkannte dort, dass mein Vater gar nicht so sein muss, wie meine Mutter es immer dargestellt hatte. Ich begann meine Glaubenssätze in Bezug auf ihn zu hinterfragen und in mir kam der Wunsch auf, ihn kennen zulernen. Ich wollte mir ein eigenes Bild von ihm machen und schrieb ihm dann einen Brief, in dem es nicht nur um Unterhalt ging, sondern auch um Persönliches von mir, also was ich gerade so mache. Außerdem fragte ich ihn, ob er Kontakt mit mir haben möchte. Er freute sich sehr darüber, doch er wollte es langsam angehen lassen. Eine Zeit lang hatten wir dann erstmal nur Briefkontakt. Es hat manchmal schon so zwei bis drei Monate gedauert, bis er geantwortet hat. Aber er hat halt geantwortet und das waren immer sehr schöne Briefe. Dieser schriftliche Kontakt ging dann über zwei Jahre, bis irgendwann der Moment kam, an dem ich mir sagte „Ich will ihn jetzt auch mal sehen“ und dann habe ich ihn angerufen und wir haben ein Treffen ausgemacht. Es war eigentlich ein ganz langsames und vorsichtiges Annähern, bis ich mich irgendwann getraut habe, die Initiative zu ergreifen.
Jetzt haben Sie also Kontakt mit Ihrem Vater seit 5 Jahren. Was hat sich für Sie geändert in dieser Zeit im Hinblick auf das Gefühlsleben zu Ihm?
Wir haben seit viereinhalb Jahren jetzt wieder Kontakt. Am 1. April 2007 sahen wir uns das erste Mal wieder. Das war ein komplett neues Gefühl für mich. Plötzlich hatte ich einen Vater. Durch all die Jahre ohne ihn, kannte ich das ja nicht mehr. Ich hatte auch nie einen Stiefvater gehabt und so war mir das Gefühl dafür vollkommen verloren gegangen. Zudem musste ich damit zurechtkommen, dass ich mittlerweile eine erwachsene Frau war, aber emotional immer noch das Kind in mir spürte, das sofort versuchte, die verlorenen Jahre nachzuholen. Mein Vater und ich hatten anfangs dann auch sehr intensiv Kontakt und ich genoss das sehr. Die ersten Konflikte ließen aber nicht lange auf sich warten und wir zogen uns deshalb bald wieder voneinander zurück. Beide waren wir überfordert mit unseren Gefühlen, Wünschen und Erwartungen an den anderen. Seit Kurzem erst, hat sich das wieder gelegt. Unsere Beziehung ist jetzt meinem Erleben nach richtig entspannt. Wir sehen uns auch wieder häufiger. Zu verdanken habe ich das der Transformationstherapie von Robert Betz, die ich seit etwa einem dreiviertel Jahr bei mir anwende. Die Ursachen für meine Konflikte mit meinem Vater waren mir durch meine bisherige Therapie ja schon länger klar gewesen. Ich wusste um die Verlassenheitswunde und andere Verletzungen aus meiner Kindheit. Doch ich hatte bisher noch keinen Weg gefunden angemessen mit ihnen umzugehen, geschweige denn sie zu heilen. Eigentlich hatte ich das schon längst aufgegeben. Jetzt erhielt ich aber doch endlich Mittel und Wege an die Hand genau das zu tun. Es wirkte. Die Treffen mit meinem Vater sind jetzt richtig schön. Ich habe Vertrauen zu ihm gewonnen und weiß, dass er mich liebt, auch wenn er mich damals verlassen hat.
Anfangs sagten Sie auch, sie spüren immer noch das Kind in sich, dass die verlorenen Jahre mit dem Vater nachzuholen versucht. Haben Sie das Gefühl, dass diese entgangene Zeit wieder aufholbar ist oder eher, dass diese Zeit unwiderruflich verloren ist?
Ich habe dann gemerkt, dass diese Zeit nicht wieder nachzuholen ist. Ich konnte zwar die Beziehung zu meinem Vater jetzt heilen und das macht den Kontakt zwischen uns wunderschön, aber dennoch spüre ich da eine Lücke in mir, die mich sehr sehnsuchtsvoll und traurig werden lässt, wenn ich andere Väter mit ihren kleinen Kindern sehe. Da ich als Kind nie einen Vater hatte und auch von meiner Mutter kaum Liebe erfahren habe, ist da insgesamt ein sehr großer Mangel in mir entstanden. Die einzige Möglichkeit ihn wieder auszugleichen sehe ich darin, mir selbst die Liebe zu geben, die ich brauche. Mein Vater oder auch mein Partner oder sonst andere Menschen können das niemals für mich tun. Es überfordert sie und macht am Ende noch meine Beziehung zu ihnen kaputt. Mich selbst zu lieben, mich wieder so anzunehmen wie ich bin, diesen Weg gehe ich gerade. Es ist ein sehr schöner Weg. Ich merke ganz deutlich, dass, je weiter ich da komme, es mir und meinen Mitmenschen umso besser geht.
Um noch einmal speziell auf die „Vatersehnsucht“ einzugehen, die Sie erwähnt haben, wenn Sie ihr Leben Revue passieren lassen: in welchen Momenten war die Sehnsucht nach Ihrem Vater besonders stark? Oder war es eher eine gleichförmige Vatersehnsucht?
Also ich muss sagen, dass ich die Sehnsucht nach meinem Vater erst im Erwachsenenalter gespürt habe. Als Kind war sie total verdrängt. Ich kann mich nur an einmal erinnern, wo sie da war. Sie kam, als ich in mein Tagebuch schrieb. Ich schüttete mein Herz aus über einen erneuten Ausraster meiner Mutter. Sie hatte sich wieder über meinen Vater aufgeregt und geschimpft ich sei genauso schlecht wie er. Ich schrieb dazu: „Aber ich will doch nur, dass zu Hause wieder alles in Ordnung ist. Mein Vater kann mir gestohlen bleiben, ich habe ihn noch nie gemocht“. Und dann ganz am Ende, es war nur ein Satz: „Dabei hätte ich gerne einen liebevollen, guten Vater gehabt“. Das war das einzige Mal, wo so eine Sehnsucht in mir hochkam. Nach meinem wirklichen Vater habe ich mich nie gesehnt. Das konnte ich gar nicht, denn meine Mutter brachte mir bei ihn zu hassen. Ich habe ihn wirklich gehasst – eben dafür, dass es uns so schlecht ging. Erst im Erwachsenenalter erkannte ich, was für ein Irrtum das war. Mein Vater hatte keine Schuld daran, das wurde mir in meiner Therapie klar. Dort kam auch meine starke Vatersehnsucht zu Tage. Mein Therapeut verkörperte die Vaterfigur für mich, die ich nie hatte. Durch ihn wurde mir dieses Thema in mir erst bewusst und ich begann mich dem zuzuwenden. Doch obgleich wir direkt darüber sprachen und ich auch Kontakt zu meinem Vater aufnahm, begab ich mich in eine starke Abhängigkeit zu meinem Therapeuten. Erst jetzt, nach etwa 5 Jahren, konnte ich mich hieraus wieder befreien.
Erst einmal vielen Dank für die Rückblende der letzten Jahre. Am Rad der Zeit gedreht: erinnern Sie sich noch an ihre Gefühle, als Ihr Vater nach und nach aus Ihrem Leben „verschwand“?
Ja, es gibt da ein paar Momente, an die ich mich wieder erinnere und die auch in der Therapie oft Gegenstand waren. Ich hatte sie lange Zeit tief verdrängt. So weiß ich noch genau von meinem Erlebnis in einem Studienseminar in Familienrecht, als sie plötzlich wiederkamen. Es ging gerade um Trennung und Scheidung und ich hörte, dass Eltern das Trennungsjahr auch innerhalb der Wohnung vollziehen können. Diese Information war neu für mich und plötzlich erschien das Bild wieder vor meinen Augen, wie ich vor der Schlafzimmertür stehe und durchs Schlüsselloch schaue. Ich erinnerte mich wieder, dass das Schlafzimmer das Zimmer meines Vaters war und ich durch das Schlüsselloch schaute, weil ich sehen wollte, was er da machte. Meine Angst, von meiner Mutter erwischt zu werden, war dann aber zu groß und ich ließ es schnell wieder sein. Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dass sie einmal ausgesprochen hat, ich dürfe nicht zu meinem Vater gehen, aber vom Gefühl her war ich befangen und traute mich das nicht. Meine Mutter hat ihn zu dieser Zeit ja auch schon schlecht geredet. Sie sagte, er sei böse und nur wegen ihm ginge es ihr so schlecht. Schließlich kam dann auch meine Erinnerung wieder an die Momente mit meiner Mutter, als sie in dieser Zeit mit bei uns im Kinderzimmer schlief. Ihr ging es sehr schlecht und sie weinte oft. Ich als damals vier- oder fünfjährige habe quasi die Mutterrolle übernommen und versucht sie zu trösten. Ich hatte riesige Angst, weil ich meinen Vater ja praktisch schon verloren hatte und jetzt befürchtete, auch noch meine Mutter zu verlieren. Für mich als Kind war das eine enorme Bedrohung. Ich dachte ich muss sterben, wenn sie jetzt auch noch geht.
Bei Trennungskindern und nicht bestehendem Kontakt wird sehr gerne der Begriff „PAS – Parental Alienation Syndrome“ genannt. Was verbinden Sie mit diesem Begriff, Ihre eigene Geschichte betrachtend?
Die Entfremdung von meinem Vater. Dadurch, dass meine Mutter ihn so abgelehnt hat, musste ich mich ebenfalls gegen ihn wenden. Anders hätte ich das gar nicht überstehen können. Als Kind war ich abhängig von meiner Mutter. Ich brauchte ihre Liebe und ich kämpfte mit allen Mitteln dafür, wenigstens etwas davon zu bekommen. Ich konnte es mir nicht leisten anderer Meinung zu sein. Außerdem war alles, was sie sagte, die absolute Wahrheit für mich. Meine eigenständige Persönlichkeit musste ich erst noch aufbauen und da ich meinen Vater so von mir abschnitt, schnitt ich auch einen Teil von mir selbst ab. Ich komme ja auch aus ihm, nicht nur aus meiner Mutter. Ich habe von beiden Anteile in mir und die von meinem Vater lehnte ich aber vollkommen ab. Es kommt wirklich sehr darauf an, wie die Eltern mit ihrer Trennung umgehen. In meinem Fall war es nicht besonders günstig. Meine Mutter hat meinen Vater verantwortlich gemacht für ihr Leid und ihn schlechtgeredet. Außerdem hat sie mir Vorwürfe gemacht, ich sei genauso wie er, was alles noch zusätzlich verschlimmerte. Ich hasste meinen Vater und wollte niemals so sein wie er. Da ich es offensichtlich aber doch war, ließ mich das immerzu denken: „Ich bin schlecht. Ich muss mich für mich schämen. Mit mir kann es keiner aushalten.“ Mit sechzehn unternahm ich meinen ersten Suizidversuch. Kurz darauf entwickelte ich eine schwere Essstörung, die chronisch wurde. Mittlerweile hat sich das jetzt aber doch noch gebessert und bald wird es vielleicht sogar ganz geheilt sein.
Was mir auch noch einfällt, ich weiß zwar nicht ob das jetzt unbedingt mit dem Begriff „PAS“ in Verbindung steht, aber meine Mutter hat auch mein Männerbild insgesamt sehr geprägt. Dadurch, dass sie an meinem Vater und auch anderen Männern, kein gutes Haar ließ, habe ich genauso angefangen zu denken. Meine Einstellung zu Männern war deshalb eher immer negativ und erst als das mir bewusst wurde, konnte ich das ändern. Meiner Mutter ist es bis heute, soviel ich das einschätzen kann, leider noch nicht bewusst geworden. Und wenn ich es recht bedenke, hat sie mit allem was sie damals tat, nur ihre eigene Kindheit wiederholt, die auch nicht gerade glücklich war.
Wenn Sie jetzt versuchen sich vorzustellen, Sie wären mit Vater aufgewachsen: glauben Sie, dass in Ihrem Leben etwas anders wäre? Wenn ja: was?
Anders wäre mein Leben auf alle Fälle. Aber was anders wäre, das kann ich nur spekulieren. Also wenn ich mit Vater aufgewachsen wäre, hätte er mir vielleicht besser als meine Mutter Liebe schenken können. Emotional wäre es mir dann sehr viel besser gegangen. Auch hätte ich in meinem Vater noch eine andere Bezugsperson gehabt, eine männliche vor allem. Ich glaube dadurch, dass ich das nicht hatte, fehlte mir immer ein Stück seelische Kraft. Man könnte es beschreiben wie so eine väterliche Kraft, die einen unterstützt etwas auf die Beine zu bringen und durchzuhalten. Es kann schon sein, dass das der Grund dafür ist, dass ich zum Beispiel beruflich anfangs große Probleme hatte das Passende für mich zu finden und es auch bis zum Ende durchzuziehen. Genauso kann das der Grund dafür sein, dass ich immer nach Anerkennung suche, besonders bei Männern. Insofern fehlt mir da schon noch etwas. Ich darf dann aber auch hier wieder selbst aktiv werden und mir die Anerkennung selber geben. Ich bin davon überzeugt, ich kann allen Mangel und alle Verletzungen, die ich in meiner Kindheit erlebt habe, wieder heilen. Am Ende bin ich dadurch nur gewachsen und um viele Erfahrungen reicher. Das spüre ich jetzt schon sehr deutlich und ich bin richtig stolz darauf. Meine Vergangenheit würde ich deswegen niemals ändern wollen. Sie gehört zu mir und ich nehme sie so an. Sie ist schließlich meine Geschichte und hat mich erst zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.
Mal angenommen, Sie müssten Ihr Leben mit einem Satz beschreiben. Wie würde dieser lauten?
Mir sind spontan zwei Begriffe eingefallen. Der Satz würde lauten: als Kind habe ich die Hölle erlebt, und jetzt gehe ich ins Paradies. Es ist ein unglaublicher Wandel, den ich gerade erlebe.
Wenn eine Wunschfee Ihnen drei Wünsche gewähren würde: welches wären diese Wünsche?
Ich möchte Erfolg haben mit dem Buch, das ich über meinen Vater und mich schreiben werde. Vor allem aber, möchte ich meine Selbstliebe wieder finden, voll und ganz. Eigentlich steht das an erster Stelle. Genauso auch, dass ich in ein freies Leben komme. Das hängt beides ja sehr eng zusammen.
