"Umbrüche zwingen zur Besinnung"

Margot Weber im INTERVIEW mit Robert T. Betz, DIPLOM-PSYCHOLOGE

Herr Betz, warum fällt es uns schwer, etwas Neues anzufangen - auch wenn wir wissen, dass die Situation, in der wir stecken, uns nicht gut tut?

Weil sich der westliche Mensch im Laufe seines Lebens in eine Unbeweglichkeit hinein entwickelt. Weil er nicht glauben kann, dass das Neue besser sein könnte als das Alte. Weil das Festhalten eine Grundhaltung des Menschen ist. Und weil er sich als Opfer der Verhältnisse sieht – und das macht ihn handlungsunfähig. Kurzum: aus Trägheit und aus Angst.

Wir Deutschen besitzen mehr als neun Billionen Euro. Das Leben der meisten ist geprägt von Wohlstand und Frieden. Wieso sind dennoch so viele Menschen hierzulande zurzeit voller Angst und Verunsicherung?

Die Angst vor Veränderungen wurde seit vielen Generationen von den Kanzeln der Kirchen gepredigt. Man hat uns gesagt, es komme darauf an, das Leben demütig zu ertragen und auszuhalten. Diese Haltung sitzt vielen Menschen noch immer in den Knochen. Sie haben keinen höheren Anspruch ans Leben, als über die Runden zu kommen. Der materielle Wohlstand soll sie darüber hinwegtrösten, dass sie sich innerlich leer fühlen, dass sie einsam und frustriert sind. Aber mit Beginn der aktuellen Wirtschaftskrise haben wir das Gefühl dafür verloren, dass alles einen Sinn hat. Wir haben über unsere Verhältnisse und in einer Scheinsicherheit gelebt. Das ist jetzt aufgeflogen. Wir befinden uns gerade in einer Umbruchzeit – und Umbrüche zwingen zur Besinnung.

Aber wie besiege ich meine Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was auf mich zukommen wird?

Indem ich mein Denken ändere und meine Ängste transformiere. In unserer Gesellschaft gibt es leider keine Kultur, unsere Angst, Trauer oder Wut in etwas Positives zu verwandeln. Das einzige, was wir können, ist Pillenschlucken. Wir leben in einer Wegmach-Gesellschaft!. Alles, was uns nicht gefällt, wollen wir entfernt haben. Und wundern uns dann absurderweise, dass das nicht funktioniert. Denn was wir weghaben wollen, zieht uns an, und was wir ablehnen, das bleibt.

Psychotherapeuten sagen oft, man solle „loslassen“. Sagen Sie das auch?

Ich würde es anders formulieren: Man soll annehmen. Was ich annehme und womit ich meinen Frieden mache, lässt mich dann auch wieder los. Als erstes muss ich also begreifen: Diese Angst vor dem Neuen ist meine Angst, sie gehört zu mir, ich nehme sie an als Teil von mir. Denn was ich annehme, kann sich verändern und ändert sich. Jede Ablehnung, jedes Nein bedeutet eine unnatürliche Energieblockade; die Energie kann also nicht fließen. Und das stärkste Nein liegt vor, wenn wir hassen. Einer der kraftvollsten Sätze in meiner Therapie und meinen Seminaren ist der Satz: „Alles, was jetzt da ist – in mir oder außerhalb in meinem Leben – darf jetzt da sein, weil ich es selbst erlaube!“

Und das hilft gegen Äußerungen wie „Du schaffst das ja sowieso nicht“ oder „Das tut man nicht“, die andere Menschen einem Aufbruchwilligen schon mal entgegenhalten?

So etwas sagen einem ja nicht nur die anderen. Oft genug sagt man sich das auch selbst! „Das Leben ist anstrengend“ ist ebenfalls einer dieser Sätze. Oder: „Das Leben ist unfair.“ Das sind Denkmuster, die sich über Jahre in unsere Köpfe eingegraben haben. Aber wer so einen Satz akzeptiert oder gar selber denkt, betrachtet sich als Opfer. Mit solchen Gedanken kann man nicht glücklich werden. Sie können nur dann ihre Kraft verlieren und gehen, wenn wir sie erstens erkennen, zweitens ihre Wahrheit überprüfen und fragen, ob das mit absoluter Sicherheit so ist, und dann drittens bewusst entscheiden, etwas Neues zu denken.

Sie sagen, dem Aufbruch müsse ein innerer Prozess vorausgehen, der in fünf Schritten abläuft. Können Sie das etwas ausführlicher erklären?

Als erstes muss ich Verantwortung für mich selbst übernehmen: verstehen, dass ich kein Opfer meiner Lebenswirklichkeit bin, sondern ihr Schöpfer. Dass alles nur deshalb in meinem Leben ist, weil ich es – unbewusst – so wollte. Dem Himmel oder dem Leben war es egal, ob ich eine Entscheidung bewusst oder unbewusst getroffen habe. Was zählt: Ich habe sie getroffen. Ich bin nicht schuld daran, aber ich trage nun mal die Verantwortung dafür. Ich muss mir klar darüber werden, welche Macht mir das Leben gegeben hat und was ich daraus gemacht habe. Als nächstes muss ich anerkennen, was ist; als drittes meine Urteile zurücknehmen und Vergebung üben; als viertes meine bisher abgelehnten oder verdrängten Gefühle bejahen. Und als letztes kann ich dann auch neue, grundsätzliche Entscheidungen für mein neues Leben treffen.

Sie plädieren außerdem für eine Art Inventur vor dem Aufbruch.

Ja, denn ich kann doch nur aufbrechen, wenn ich zuvor ganz bei mir selbst angekommen bin. Man sollte sich also vorher ein paar Fragen stellen – gleichermaßen in die Vergangenheit wie in die Zukunft gerichtet: Womit in meinem Leben bin ich zufrieden, was finde ich gut? Was liebe ich an mir selbst? Was liebe ich in meinem Leben? Was tue ich aus Liebe? Aber auch: Womit in meinem Leben bin ich nicht zufrieden? Mit welchen Menschen lebe ich im Frieden, mit welchen im Unfrieden? Was ist mein Grundlebensgefühl der letzten Monate?

Was gehört zum Aufbruch noch dazu?

Sich selbst zu lieben. Und Selbstliebe hat nichts mit Egoismus zu tun. Ich meine damit nicht, dass man egoman um sich selber kreisen oder sich gegen andere durchboxen soll. Aber man sollte begriffen haben: Ich selbst bin der wichtigste Mensch in meinem Leben. Sich selbst zu erkennen, anzunehmen und lieben zu lernen, ist die größte Aufgabe jedes Menschen.

Und wie kann ich das umsetzen?

Indem ich bewusst Zeit mit mir verbringe. Es reicht schon, ab und zu mal fünf Minuten Pause zu machen und zu fragen: Tut mir gut, was ich gerade mache? Tut das meinem Körper gut? Meiner Seele? Ist diese Freundschaft etwas für mich? Eine andere Möglichkeit ist, jeden Tag eine Stunde spazieren zu gehen. Das bringt Klarheit, Körper und Seele können auf atmen, man findet zu sich selbst zurück.

Was stützt mich, wenn durch meinen Aufbruch alle bisherigen Sicherheiten weggebrochen sind?

Dass ich bei mir bleibe.

Für viele Menschen ist das wenig.

Nein. Denn wenn man diesen Satz wirklich ganz und gar begriffen hat, bedeutet das unsagbar viel.

Februar 2010 emotion