Ich habe meinen Vater gehasst - heute liebe und schätze ich ihn

von Annelie Simon

Am 1. April 2007 sah ich ihn das erste Mal wieder. Nach 15 Jahren. Wir trafen uns in einem Café. Es war ein richtiges Blind Date – ja, ein Blind Date mit meinem eigenen Vater. Als ich ihn vor 15 Jahren das letzte Mal sah, war er mir schon längst fremd geworden. Er nahm meine Schwester und mich für ein paar Tage mit zu den Großeltern. Ich war vielleicht 9, höchstens 10 Jahre alt. Anfangs hatte ich richtig Angst dort. Am Ende war es dann aber doch ganz schön. Abgesehen von dem großen Hund war ich begeistert von den vielen Tieren - meine Großeltern haben einen Bauernhof. Wieder zu Hause bei meiner Mutter redete diese meine Erlebnisse schlecht. Es sollten die letzten für mich sein zusammen mit meinem Vater.

Ich war 4 Jahre alt, als meine Eltern sich scheiden ließen. Aufgrund des Wohnungsmangels in der damaligen DDR fand mein Vater lange keine andere Bleibe für sich. Er musste noch ganze 2 Jahre lang weiter mit bei uns wohnen. Das Schlafzimmer war sein Zimmer. Meine Mutter schlief mit bei uns im Kinderzimmer. Um Auseinandersetzungen zu vermeiden waren für die Benutzung von Küche und Bad gerichtlich Zeiten festgelegt worden. Obwohl mein Vater in dieser Zeit noch anwesend war, sah ich ihn nicht mehr. Meine Mutter verbat mir zu ihm zu gehen. Kurz vor meinem Schulanfang zog er schließlich aus und verschwand ganz aus meinem Leben. An einen Abschied kann ich mich nicht erinnern. 

Inzwischen war ich nun eine erwachsene Frau von 25 Jahren geworden. Ich hatte einen Freund, studierte Soziale Arbeit und wohnte seit kurzem auch in einer eigenen kleinen Wohnung. An dem Tag wo ich meinen Vater das erste Mal wieder traf, war ich sehr aufgeregt. Ich erhoffte mir viel, vielleicht zuviel, dachte ich - Bestimmt werde ich eine große Enttäuschung erleben. Was, wenn es wahr ist was meine Mutter mir alles über ihn erzählt hat? - Doch meine Neugier auf ihn und mein Wunsch endlich Klarheit zu schaffen waren stärker. Ich wollte wissen wie mein Vater wirklich zu mir steht, ich wollte schauen ob das stimmt, was meine Mutter mir immer über ihn erzählt hatte. So lange schon hatte ich ihr das alles blindlings geglaubt. Nie hatte ich auch nur den geringsten Zweifel daran. Da ich als Kind psychisch abhängig von ihr war, bedeuteten die Worte aus ihrem Mund die absolute Wahrheit für mich. Sie sagte nur Schlechtes über ihn. Sie machte ihn verantwortlich für ihr ganzes Leid. Ich glaubte ihr alles und ich fing an meinen Vater zu hassen. Ich vermied es auch tunlichst ihn zu erwähnen. Sie kam schon ganz allein oft genug auf das Thema. Nicht selten rastete sie dann richtig aus und schlug auf mich ein. Da ich im Gegensatz zu meiner Schwester kein Wunschkind war und viel mehr nach meinem Vater komme, wurde ich zur Zielscheibe der angestauten Aggressionen meiner Mutter. Ich erlebte direkte Ablehnung und Demütigung von ihr. Schlimmer als die Schläge waren ihre ständigen Vorwürfe ich sei genauso schlecht wie mein Vater und ich solle verschwinden. Ich schlussfolgerte daraus, dass mit mir etwas nicht stimmen kann, dass ich wirklich so schlecht sein muss wie meine Mutter es mir weismachte. Darunter litt ich all die Jahre sehr. Ich entwickelte schwere psychische Störungen. Mit 16 Jahren versuchte ich das erste Mal mich umzubringen. Ich nahm eine Überdosis Tabletten. Den Ärzten erklärte meine Mutter ich hätte dies aus Versehen getan. Ein Jahr später kam ich schließlich wegen lebensgefährlichem Untergewicht das erste Mal in die Klinik. Ich hatte eine schwere Essstörung entwickelt.

Erst als ich mit 21 zu Hause auszog und in der Therapie das Thema meiner Eltern zu Tage kam, begann ich zu begreifen, dass meine Mutter mich missbraucht und misshandelt hatte. Ich fing an, die Glaubenssätze, die ich von ihr übernommen hatte und die mir so sehr schadeten, in Frage zu stellen. So kam es, dass ich mich meinem Vater zuwandte und ihn kennen lernen wollte. Ein halbes Jahr vor unserem ersten Treffen hatte ich den Kontakt zu meiner Mutter sogar ganz abgebrochen. Ich wollte sie nie wieder sehen. Ich war wütend auf sie, zutiefst verletzt und enttäuscht. Jahrelang hatte ich um ihr Verständnis und ihre Liebe gekämpft. Vergebens. Wenn ich sie auf früher ansprach, auf all die Dinge die mich so verletzt hatten, stieß ich nur auf Ablehnung und Widerstand. Sie leugnete alles, stellte mich als Lügnerin dar und machte sich sogar lächerlich über mich. Ich dachte immer mir kann es nur besser gehen, wenn sie sich ändert, wenn sie einsieht was sie mir angetan hat und sich dafür bei mir entschuldigt. Doch dieser Kampf mit ihr schwächte mich zunehmend. Er machte mich abhängig von ihr und ließ mich in der Opferrolle verharren. Die Liebe, die ich all die Jahre von ihr so sehr vermisst hatte, war einfach nicht zu holen bei ihr. Ich entschied, dass es das Beste für mich sei mich ganz von ihr zu trennen.

Mein Vater liebt mich

Und da stand er nun vor mir. Mein Vater. Ich war überrascht wie klein er ist, kaum größer als ich, höchstens 1,64 m. Ich kannte ihn ja nur von Fotos. Es war ein komisches Gefühl. Unsicher lächelten wir uns an und begrüßten uns. Wir hatten das Café Einstein für unser erstes Treffen ausgesucht - unser beider Lieblingscafé wie wir kurz darauf feststellten. Schon die ganzen Jahre lebten wir also in derselben Stadt und begegneten uns nicht einmal in unserem Lieblingscafé! In ruhiger und schöner Atmosphäre begannen wir nun uns dort neu kennen zu lernen. Anfangs noch etwas zögerlich, doch dann immer entspannter und lockerer, unterhielten wir uns. Für mich war das unglaublich. Da saß ein fremder Mann vor mir und er war mein Vater. Dieses Gefühl – ich habe einen Vater – war mir völlig abhanden gekommen. Ich hatte auch nie einen Stiefvater gehabt. Und jetzt plötzlich sollte es auf einmal ganz anders sein? Ja – das sollte es. Obwohl ich ohne meinen Vater aufgewachsen war, fühlte ich eine tiefe innere Verbundenheit zu ihm. Wir redeten ganze 3h lang. Er erzählte mir wie schwer es ihm gefallen war den Kontakt zu meiner Schwester und mir abzubrechen und dass es für ihn aber die einzige Möglichkeit war wieder mehr Ruhe und Frieden in unser aller Leben zu bringen. Denn meine Mutter hatte ihm seine Kontaktversuche zu uns sehr schwer gemacht. Er sah keine Chance darin vor Gericht zu gehen. Damals sei es einfach so gewesen, dass die Kinder immer bei der Mutter blieben und der Vater kein Recht bekam. Schließlich erzählte er mir auch, dass er Briefe an meine Schwester und mich geschrieben hatte. Das war absolut neu für mich. Nie bekam ich als Kind auch nur einen Brief von ihm zu Gesicht. Lediglich seine Geburtstagskarten und Weihnachtskarten erreichten mich. Und da sie aber fast immer zu spät kamen deutete ich sie nur als weiteren Beweis wie bedeutungslos ich meinem Vater sein musste. Ich erzählte ihm, wie meine Mutter mich all die Jahre nach der Scheidung behandelt hatte. Dass sie mir Sätze an den Kopf warf wie: „Du bist genauso schlecht wie dein Vater. Geh doch zu ihm, soll er sich doch mit dir herumplagen. Mir würde es viel besser gehen ohne dich. Verschwinde endlich.“ Davon war mein Vater sehr geschockt. Das hatte er nicht gewusst und auch nicht erwartet von ihr. Er ging davon aus, dass es meiner Schwester und mir gut gehen würde bei unserer Mutter.

Nach unserem Treffen wusste ich jedenfalls: Nichts von dem, was ich bisher über meinen Vater geglaubt hatte, ist wahr. Mein Vater liebt mich. Auch wenn er mich damals verlassen hat, er liebt mich. Das hatte ich ganz deutlich gespürt. Wieder bei mir zu Hause ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Es waren Tränen der Freude. Ich fühlte mich, als hätte ich einen Teil von mir selbst wieder gefunden.

Unser Glück fing bald zu bröckeln an

In der Folgezeit hatten mein Vater und ich intensiven Kontakt. Da er neu geheiratet hatte, unternahmen wir meistens etwas zu dritt. Seine Frau hatte 2 Söhne mit in die Ehe gebracht, doch an den gemeinsamen Unternehmungen nahmen sie nie teil. Sie kamen gerade ins Erwachsenenalter und begannen eigene Wege zu gehen. Meine Großeltern, die ich all die Jahre ebenso nicht mehr gesehen hatte, besuchten wir auch wieder. Sie freuten sich sehr. Es war eine richtig schöne Zeit, die ich genoss. Ich spürte jedoch auch wie groß und unerfüllbar meine Sehnsucht war, all die verlorenen Jahre mit meinem Vater nachzuholen. Wie schön es auch war, dass wir uns wieder gefunden hatten, mein Schmerz und meine Trauer über die verlorene Zeit belasteten mich sehr. Hinzu kam, dass ich immer öfter das Gefühl hatte meinem Vater nicht wichtig zu sein. Sobald er sich längere Zeit nicht bei mir meldete, zweifelte ich an seiner Liebe zu mir. Tatsächlich zog er sich auch in Wirklichkeit wieder vor mir zurück. Ich denke er fühlte sich überfordert mit meinen psychischen Problemen. Unser beider Hoffnung, ich würde durch unseren Kontakt jetzt wieder gesund werden, löste sich immer mehr in Luft auf. Meine Probleme hielten an. Teilweise wurden sie sogar wieder so schlimm, dass ich mich erneut in stationäre Behandlung begab. Als ich deswegen mein Studium zum wiederholten Male unterbrechen musste, war der Konflikt zwischen meinem Vater und mir groß. Er hatte bisher immer noch Unterhalt an mich gezahlt, denn ich bekam kein Bafög aufgrund seines Einkommens. Nun stellte er seine Zahlungen an mich ein. Er war der Meinung, ich schaffe es nicht mein Studium erfolgreich zu beenden und solle lieber versuchen in meinem davor erlernten Beruf zu arbeiten. Ich hatte eine Ausbildung zur Ergotherapeutin gemacht, aber noch nie als solche gearbeitet. Aufgrund meiner gesundheitlichen Probleme erschien mir das bisher immer unmöglich. Ich war sehr wütend auf meinen Vater. Er traute mir das Studium nicht zu und offensichtlich war ich nur eine finanzielle Last für ihn, die er nicht mehr länger tragen wollte. Ich dachte nur: jetzt erst recht. Ich werde es ihm beweisen. Ich werde mein Studium schaffen, meine sehr guten Leistungen sprechen schließlich auch dafür. Ich suchte also andere Wege es zu finanzieren und ich fand einen Weg. Nach aufwendiger Bürokratie und zum Trotz meines Vaters setzte ich durch, dass ich doch Bafög bekam – nun unabhängig von ihm. In dieser konfliktreichen Zeit hatten wir kaum Kontakt zueinander. Wir waren beide wütend aufeinander und fühlten uns verletzt. Ich erkannte erst später, was für ein Geschenk in dieser Erfahrung verborgen lag. Meine Wut auf meinen Vater holte die tief verdrängte Verletztheit des kleinen Kindes in mir hoch, dass damals von ihm verlassen wurde. Ich erkannte, dass ich tief in meinem Innern ihn noch sehr verurteilte dafür. Sein damaliges schnelles Aufgeben seiner Kontaktversuche zu meiner Schwester und mir, war auch jetzt noch ein sicheres Zeichen für mich, dass ich ihm nicht viel bedeuten könne. Und insgeheim wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass er sich wenigstens heute um mich kümmert und damit „alles wieder gut macht“. Diesem Wunsch stand seine neue Frau natürlich sehr im Weg. Das kleine Mädchen in mir hatte das Gefühl sie nimmt ihr den Papa weg. Dies alles machte die Beziehung zu meinem Vater nicht gerade einfach.

Durch die Transformationstherapie nach Robert Betz konnte ich meinem Vater vergeben

Erst als ich vor ungefähr einem Dreiviertel Jahr die Transformationstherapie von Robert Betz entdeckte und diese mehr und mehr bei mir anwandte, begann sich mein Denken und Fühlen in Bezug auf meinen Vater zu verändern. Ich fing an ihm aus tiefsten Herzen zu vergeben. Indem ich immer mehr verstand, dass er damals nicht anders handeln konnte, dass er sein Bestes gegeben hatte und einfach nicht in der Lage gewesen war sich mit meiner Mutter auseinander zu setzen, konnte ich aufhören ihn dafür zu verurteilen. Ich begriff auch, dass sein Weggang nichts mit seiner Liebe zu mir zu tun hatte und gewann ein viel tieferes Vertrauen in ihn. Neben dem Hören verschiedener Vortrags-CDs von Robert Betz, insbesondere zu dem Thema Mutter und Vater deiner Kindheit, verhalf mir besonders die Anwendung seiner geführten Meditation „Ich hatte keinen Vater“ dazu, meinen Schmerz über das damalige Verlassenwerden von ihm zu heilen. 

Die geführte Meditation ist ein bedeutsames Mittel der Transformationstherapie von Robert Betz. Sie ist nicht nur hervorragend dazu geeignet Kraft und Energie zu tanken, sie ist auch eine wunderbare Möglichkeit solche alten Verletzungen zu heilen. Durch zum Beispiel Rückführungen in die eigene Kindheit oder Begegnungen mit Mutter und Vater bzw. anderen Personen, mit denen man noch im Unfrieden ist, kann man Klarheit und Frieden finden und so in die Freiheit gelangen. Da dies alles mithilfe der eigenen Vorstellungskraft geschieht, muss die andere Person nicht real anwesend sein und teilnehmen. Heilung geschieht hier vor allem durch das eigene Wieder erleben und Fließen lassen der damit verbundenen Gefühle. 

Man kann die Transformationstherapie als umfassenden Befreiungs- und Heilungsweg bezeichnen, denn sie macht es dem Menschen möglich aus eigener Kraft Leidenszustände aller Art zu beenden. Insbesondere die Befreiung von emotionalen Begrenzungen, Belastungen und Verstrickungen mit anderen Personen ebnet den Weg in ein glückliches und unbeschwertes Leben.

Den Diplom-Psychologen Robert Betz, der diese Therapie entwickelte, lernte ich in einem Tagesseminar persönlich kennen. Er eröffnete mir völlig neue Sichtweisen auf das Leben, auf die Menschen und auf mich selbst. Insbesondere das Thema Krankheit und Gesundheit – wodurch entsteht Krankheit und wie kann Heilung geschehen – habe ich bisher von niemandem sonst so fundamental und einleuchtend erklärt bekommen. Mit seiner lockeren und lebhaften Vortragsweise spricht Robert Betz direkt zu seinen Zuhörern. Er weckt auf, begeistert und bringt einen nicht selten zum Lachen. Sein Anliegen ist es die Menschen zu motivieren ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, damit wieder mehr Freude, Glück, Gesundheit sowie Frieden und Freiheit in unser Leben einkehren. Seine Therapie entwickelte er auf der Basis von Botschaften der Geistigen Welt sowie aus verschiedenen spirituellen Quellen und therapeutischen und heilenden Methoden. In zahlreichen Seminaren und Vorträgen, welche er in Deutschland, Österreich, Luxemburg und der Schweiz hält, vermittelt er den Menschen sein Wissen und lässt Heilung geschehen. Auf der griechischen Insel Lesbos bietet er wunderbare Urlaubsseminare an. Von ihm ausgebildete Therapeuten, inzwischen schon an die 200, unterstützen seine Arbeit. 

Ausführliche Informationen erhält man auf seiner Website. Seine zahlreichen Vorträge und Meditationen sind dort auch auf CD erhältlich. Wie auch seine eigens verfassten Bücher beinhalten sie grundlegende Lebensthemen wie Beziehung und Partnerschaft, Familie und Vergangenheit, Körper und Gesundheit oder Gott und Spiritualität. Eltern, die von Trennung und Scheidung betroffen sind können besonders von den beiden Meditationen „Die Beziehung zu Partner und Ex-Partner klären und heilen“ sowie „Eltern helfen ihrem Kind“ profitieren. Auch „Der Vater meiner Kindheit“„Die Mutter meiner Kindheit“ und „Befreie und heile das Kind in dir“ lassen hier tief greifende Heilung geschehen, denn die Probleme in Partnerschaften sind fast immer auf Verletzungen in der eigenen Kindheit mit Mutter oder Vater zurückzuführen.

Meine Beziehung zu meinem Vater heute

Meine Beziehung zu meinem Vater hat sich durch die Transformationstherapie sehr entspannt. Im Moment sehen wir uns etwa alle 4 Wochen. Wenn er sich länger nicht bei mir meldet und ich ihn vermisse, dann rufe ich bei ihm an und frage ob wir uns sehen können. Hin und Wieder gehe ich zum Essen zu ihm und seiner Frau. Neuerdings treffen wir uns manchmal auch zu zweit. Wir gehen dann ins Kino oder auswärts essen. Nur wir Zwei, das ist wunderschön. Ich spüre nun viel mehr Ruhe und Frieden in mir. Ich erwarte nicht mehr, dass mein Vater sich um mich kümmert als wäre ich noch ein Kind. Ich habe jetzt selbst die Verantwortung für mein Leben übernommen und ich weiß, dass ich die Liebe, nach der ich mich so sehr sehne, mir nur selbst geben kann. Alles andere macht mich abhängig und damit unfrei und unglücklich. 

Auch zu meiner Mutter habe ich seit etwa einem halben Jahr wieder Kontakt. Nicht so wie zu meinem Vater, aber wir reden wieder miteinander. Sie ruft mich ab und zu an und fragt wie es mir geht. Ich spüre, dass sie Schuldgefühle hat. Sie beteuert mir jetzt immer wieder, dass sie mich liebt und nur das Beste für mich möchte. Sehr erstaunlich für mich ist: sie toleriert sogar, dass ich wieder Kontakt zu meinem Vater habe! Ich bin mir sicher, dass sich in meiner Beziehung zu ihr noch einiges ändern wird. Ich arbeite gerade mit den beiden Meditations-CDs „Die Mutter meiner Kindheit“ und „Besuche und verwandle das kleine Mädchen in dir“ und spüre auch hier, dass ich beginne zu vergeben. Meine Mutter hat damals auch nur so gehandelt, weil sie nicht anders konnte. Sie war total überfordert mit ihrer Rolle und tat dies alles nicht bewusst oder aus böser Absicht. In ihr ist ebenso ein verletztes und hilfloses Kind, das nach Liebe schreit. 

Meine Sichtweise auf das Thema Trennung bzw. Scheidung von Eltern

Als betroffenes Scheidungskind möchte ich noch gern meine heutige Sichtweise zu diesem Thema darstellen und damit vielleicht hilfreiche Ratschläge geben. Ich erlebe ähnlich wie bei meinen Eltern damals, dass Partner, die sich voneinander trennen, oft im gegenseitigen Hass auseinander gehen und dann im Unfrieden leben. Für die betroffenen Kinder und auch für die Eltern selbst ist das mit viel Leid verbunden. Ich erachte es als überaus wichtig, dass Eltern versuchen miteinander offen über ihre Gefühle zu reden, dass sie sich darüber einigen wie es weiter gehen soll in Bezug auf ihre Kinder und dass sie diese hier auch mit einbeziehen indem sie auf deren Wünsche und Bedürfnisse achten. Es steht für mich außer Frage wie unerlässlich der weitere Kontakt zu beiden Elternteilen für das Wohl eines Kindes ist. Doch reicht es meiner Meinung nach nicht aus nur darauf zu schauen. So lange die Eltern miteinander im Krieg oder im Unfrieden sind, kann es dem Kind auch dann nicht gut gehen, wenn der Kontakt aufrechterhalten wird. Kinder spüren was in den Eltern vorgeht. Sie registrieren sehr genau, wenn der eine den anderen ablehnt und verurteilt. Das führt unweigerlich zu inneren Konflikten im Kind. Es befindet sich im Spagat zwischen Mutter und Vater und sieht sich früher oder später gezwungen sich auf eine Seite zu schlagen. Nur wenn die Eltern bereit sind ihren eigenen Hass auf den jeweiligen Ex-Partner zusammen mit den zugrunde liegenden Verletzungen anzuschauen und zu heilen, kann auch den Kindern geholfen werden. Deswegen möchte ich betroffene Eltern dazu auffordern: Schaut euch an was mit euch los ist. Erforscht wo die wahren Ursachen für euren Hass, für eure Wut, für all eure verletzten Gefühle liegen. Meist sind es Verletzungen aus der eigenen Kindheit mit Mutter oder Vater, die dann in der Partnerschaft wieder auftauchen. Wenn ihr die wahren Ursachen erkannt habt und bereit seid diese zu heilen, dann wird dies auch geschehen und der Missbrauch und Machtkampf wird ein Ende nehmen.

Betreff dem Machtkampf höre ich Eltern oft sagen: „Ich werde um mein Kind kämpfen.“ Hier möchte ich darauf hinweisen, dass genau dies eine Einstellung ist, die Krieg bedeutet, denn wer kämpft braucht einen Gegner. Egal wer hier wen entfremdet, Krieg führen tun immer zwei Parteien. Würde nur eine davon die Waffen niederlegen, dann wäre der Krieg vorbei, es gäbe nämlich keinen Gegner mehr. Doch was heißt die Waffen niederlegen? Etwa sein Kind aufgeben? Wenn sich die Lage schon so verschärft hat, dass einvernehmliche Regelungen gar nicht mehr möglich sind, wenn ein Ex-Partner sich quer stellt und den Kontakt zum gemeinsamen Kind boykottiert, spätestens dann ist es an der Zeit einen anderen Weg einzuschlagen. Weiter zu kämpfen hilft hier meist wenig. Gekämpft hat man doch meist eh schon lange genug vergebens. Ein anderer Weg, den es sich lohnen könnte auszuprobieren, wäre der Weg der Liebe. Liebe entsteht durch Annahme und Vergebung. Wird angenommen was gerade da ist, kann es sich auch wieder verändern. Für eben diese Situation würde das bedeuten, anzunehmen, dass man jetzt sein Kind nicht sehen darf und anzunehmen was das für Gefühle in einen auslöst. Durch das Fühlen und Fließen lassen der eigenen Gefühle dazu, durch die Annahme der Situation die gerade da ist, kann sich diese erst wieder verändern. Und wenn neben Ohnmacht und Hilflosigkeit auch Wut und Hass auf den Ex-Partner da sind, ist das völlig verständlich und auch in Ordnung. Das eigene Kind vielleicht nicht mehr sehen zu dürfen ist tragisch und ich habe vollstes Mitgefühl dafür. Ich kann es sehr gut nachvollziehen, wenn im betroffenen Vater oder in der betroffenen Mutter dann Wut und Hass aufsteigen. Für mich ist es nur eine Frage wie man damit umgeht. Ich sage: spürt dieses Gefühl. Fühlt es! Es ist euer Gefühl. Lasst es nicht an euren Kindern oder an eurem Ex-Partner aus. Wenn ihr es einfach nur spürt und fließen lasst, dann kann es viel leichter wieder gehen. Und vielleicht seid ihr dann auch bereit eurem Ex-Partner zu vergeben. Auch ihm darf Verständnis und Liebe entgegengebracht werden, denn sein Verhalten basiert auf Angst. Er hat selbst ein tief verletztes Kind in sich und handelt aus eigenem Schmerz heraus. Ihm ist nicht bewusst was er tut, er tut es nicht mit böser Absicht, sondern weil er nicht anders kann. Das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten und es sollte auch nicht einfach toleriert werden, vor allem zum Wohle des Kindes nicht. Jedoch denke ich, die einzige Chance sein Herz zu öffnen ist der Weg der Liebe. Bringt man ihm diese in Form von Annahme, Verständnis und Einfühlungsvermögen entgegen, dann hat man eine Chance in sein Inneres hervorzudringen, dann kann man ihm bewusst machen was er tut und Änderung bewirken.

Dieser Artikel wurde im Magazin "Papa-Ya", Ausgabe 15/2011, veröffentlicht.